
Von Dr. GŸnter Baumgart
Ein Plþdoyer fŸr
Psychotherapie statt Psychiatrie.
Gehšrt zum Preis moderner
Zivilisation nach der Medikalisierung des Kšrpers nun auch die von Geist und
Seele? Haben wir alle das Zeug dazu, in irgendeinem Grade psychisch gestšrt und
dann psychiatrisiert zu werden? BIO sprach Ÿber dieses Problem mit dem
schweizerischen Psychiatriekritiker und Buchauto Dr. med. Marc Rufer aus ZŸrich
Biographisches
Dr. med .
Marc Rufer wurde 1942 in Bern geboren. Nach Abschluss eines Medizinstudiums in
seiner Heimatstadt arbeitete er zunþchst als Assistenzarzt in einer
psychiatrischen Klinik. Die Erfahrungen, die er dabei mit der Praxis der
etablierten Psychiatrie machte, brachten ihn dazu, sich nicht nur von diesem
menschenverachtenden medizinischen Konzept zu lšsen, sondern aktiv dagegen
aufzutreten. Sowohl durch die Veršffentlichung psychiatriekritischer BŸcher,
z.B. ãIrrsinn Psychiatrieã (1988), ãWer ist irrÒÒ (1991) und ãGlŸckspillenÒ
(1995), als auch durch die UnterstŸtzung der weltweit verbundenen Bewegung
Psychiatrie-Betroffener. Ferner ist er Vorstandsmitglied von PSYCHEX, eines vor
allem in der Schweiz aktiven Vereins, der sich fŸr Menschen einsetzt, die gegen
ihren Willen in einer psychiatrischen Anstalt eingeschlossen und zwangsbehandelt
werden. Dr. Rufer lebt seit 1975 in ZŸrich und arbeitet dort in eigener Praxis
als Psychotherapeut.
Die Landeskliniken, jene
verharmlost etikettierten einstigen Irrenanstalten, haben Zulauf. Der wirtschaftliche
Niedergang tut ihnen keinen Abbruch. Im Gegenteil: Was die Zahl der Insassen
anbelangt, beschert er ihnen Belebung. SŸchte, €ngste und Depressionen mehren
unablþssig die Klientel der psychiatrischen €rzteschaft und der
Medikamentenbranche. Die zuweilen fantasievollen Namen von Beruhigungsmitteln
und Stimmungsaufhellern fŸllen die Rezeptblocks, Der Siegeszug der
Psychopharmaka ist offenbar nicht aufzuhalten. Und wo sie nicht mehr wirken
wollen, wartet der wieder salonfþhig gemachte Elektroschock. ãGebessertÒ werden
kann heutzutage jeder psychisch Auffþllige, zur Not wird er leichter verwahrbar
gemacht.
BIO: Herr Dr. Rufer, wer von
uns ist eigentlich nicht mehr normal, wer psychisch auffþllig oder gar krank?
Marc Rufer: Wer sich Ÿber
Normen hinwegsetzt! Der stšrt die ãNormalenÒ, die ãGesundenÒ. Und die fŸhlen
sich dann bedrþngt und bedroht. Als besonders stšrend gelten ganz
offensichtlich diejenigen, die sich der Arbeitswelt verweigern. Nur wer die
heute oft unerfreuliche Arbeitswelt klaglos ertragen kann, darf sich fŸr
psychisch gesund halten.
Auffþllig aber ist, wer von
weiteren Verhaltensregelen des Alltags abweicht, zum Beispiel wie man sich
begrŸ§t, ob, wann und wie man einen Fremden anspricht. Auch das Ma§, in dem man
šffentlich seine Freude oder Trauer bekunden, seinem Bewegungsdrang folgen oder
etwa sein Geld ausgeben darf. Obwohl diese ungeschriebenen Normen kaum je
bewusst reflektiert werden, erwartet die Gesellschaft, dass sie keiner
verletzt. Und wer es dennoch tut, der wirkt, wie gesagt, stšrend oder gar
gefþhrlich. Seine Psychiatrisierung bedeutet deshalb fŸr viele Menschen eine
Beruhigung.
BIO: GenŸgte da nicht meist
eine Portion Toleranz? Ein komischer Kauz muss doch nicht in die Klinik.
Marc Rufer: In unseren
psychiatrischen Kliniken wird behandelt, wer eingewiesen wird oder sich
freiwillig meldet. So einfach ist das. Die Psychiatrie behandelt, was die
Gesellschaft als ãkrankÒ empfindet. Aufschlussreich ist in dieser Hinsicht ein
Experiment des amerikanischen Psychologieprofessors David Rosenhan. In einem
Dutzend Nervenkliniken wurden hierbei všllig unauffþllige Scheinpatienten als
schizophren eingestuft und therapiert. Ein Beispiel fŸr die offensichtliche
Haltlosigkeit psychiatrischer Diagnostik.
BIO: In den medizinischen
WšrterbŸchern lesen sich psychiatrische Krankheitsbilder jedoch
wissenschaftlich fundiert.
Marc Rufer: In der
anerkannten Fachliteratur sieht das anders aus. Da besteht Einigkeit darŸber,
dass psychiatrische Diagnosen Konstrukte sind. Sie werden auch als
Vorstellungen, Konzepte, Sehmuster und Konventionen bezeichnet. Die
psychiatrischen Diagnosen sind stþndig im Wandel begriffen und kšnnen sich von
Land zu Land unterscheiden. Zudem zeigt es sich immer wieder, dass die
Diagnosestellung ein subjektiver, nicht wiederholbarer Prozess ist. Abhþngig
von der psychischen Befindlichkeit des Untersuchenden wird dessen Urteil mal so
oder mal so ausfallen.
BIO: Vielleicht ist es ja
ein Indiz dafŸr, dass die Volksmeinung nicht ganz daneben liegt. Sie nimmt
nþmlich an, dass die Berufswahl vieler Psychiater und Psychotherapeuten,
gelinde gesagt, auf eigene psychische Probleme zurŸckzufŸhren sei.
Marc Rufer: Diese Meinung
kann ich nur bestþtigen, Psychiater bringen sich šfter um, sind hþufiger
abhþngig von Tranquilizern und Schlafmitteln, als dies dem Durchschnitt der
Bevšlkerung entsprechen wŸrde. Sie berichten auch wesentlich šfter als andere
Leute von psychischen Stšrungen in ihrer Jugend.
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Die psychiatrischen
Diagnosen sind stþndig
im Wand begriffen
und kšnnen sich auch
von Land zu Land
unterscheiden
BIO: Gibt es denn Ÿberhaupt
eine klare Grenze zwischen dem, was ãnormalÒ und ãverrŸcktÒ ist?
Marc Rufer: Die Antwort ist
eindeutig: Nein! Wobei meiner Meinung nach im Bereich der Psyche der Begriff
der Krankheit Ÿberhaupt nicht verwendet werden sollte. Die Schubfþcher ãnormalÒ
und ãverrŸcktÒ sind kulturell, ja oft auch politisch ãgetischlertÒ und meist
unbewusster Bestandteil der jeweiligen Gesellschaft. Vor allem sind sie keine
festen, wissenschaftlich definierbaren Grš§en. Dieser Ansicht war bereits
Sigmund Freud.
BIO: Um so mehr mŸssten sich
Psychiater davor hŸten, verhaltenauffþlligen Menschen generell den Stempel
einer psychiatrischen Diagnose aufzudrŸcken.
Marc Rufer: Ja. Psychiatrische
Diagnosen wie zum Beispiel Schizophrenie oder Manie stigmatisieren. Sie
bedeuten fŸr die Betroffenen gleichsam das Ende ihrer Existenz als diejenigen,
die sie zuvor waren, mit anderen Worten: ihren sozialen Tod. Sie, aber auch
ihre Kontaktpersonen, werden diesen Einschnitt niemals vergessen. Sie haben
gleichsam eine neue Identitþt erhalten.
Als schizophren
diagnostiziert zu sein bestimmt das soziale Leben eines Menschen mehr als die
Tatsache, eine Familie gegrŸndet oder eine Ausbildung als Architekt gemacht zu
haben. Alles wird nie wieder so sein, wie es einmal war. Das ist aber nur die
eine Seite des Problems. Die andere ist: Die Diagnose chronifiziert und
verfestigt die Stšrung. Sie berechtigt die beteiligten €rzte zu zeitlich
unbegrenzter Behandlung und Kontrolle. Auch wenn sich keinerlei Symptome mehr
zeigen sollten.
BIO: Im Berliner
Weglaufhaus, in dem versucht wird, Psychiatrie-Betroffenen eine BrŸcke zurŸck
ins normale Leben zu bauen, gilt offensichtlich die gegenteilige Position. Man
scheint hier einfach zu ignorieren, dass diese Menschen krank sind oder waren.
Wird damit nicht das Kind mit dem Bade ausgeschŸttet?
Marc Rufer: Wie gesagt, der
Begriff Krankheit sollte im psychischen Bereich Ÿberhaupt nicht verwendet
werden. Die Betroffenen leiden, sie fallen auf, sie ecken an, sie stšren, sie
brechen Normen. Mšglichcherweise schaden sie mit ihrem Verhalten sich selbst,
selten auch anderen Menschen. Doch wenn ich sie zu Kranken stemple, dann
schaffe ich neue Probleme. So unter anderem eine lebenslange Abhþngigkeit von
der Psychiatrie. (Siehe dazu den Leserbrief auf S. 125, Anmerkung der
Redaktion). Die Chance, dass die Betroffenen je wieder fþhig werden, ihre
Schwierigkeiten und damit ihr Leben selbst zu meistern, ist damit vertan.
BIO: Wann sprechen auch Sie
von einer psychischen Krankheit?
Marc Rufer: Nie. Bei einer
kleinen Minderheit psychisch auffþlliger Menschen ist die Stšrung durch klar
feststellbare organische Verþnderungen im Gehirn ausgelšst. So beispielsweise
durch Infarkte, Infektionen, Tumore, Schþdel-Hirn- und Geburtstraumata, aber
auch durch degenerative Prozesse wie Alzheimer. Diese organisch bedingten
Stšrungen werden auch von der Schulpsychiatrie nicht als psychische Krankheiten
bezeichnet.
Umso weniger ist der Begriff
der Krankheit bei den Ÿbrigen psychischen Stšrungen oder Auffþlligkeiten
gerechtfertigt. Sogar bei den als besonders schwerwiegend betrachteten
Schizophrenien und Manien sind nþmlich bis heute keine biologischen Ursachen
wissenschaftlich nachgewiesen. Dabei suchen hochkarþtige Forscher seit mehr als
hundert Jahren unermŸdlich danach.
BIO: Gilt es nicht als
ausgemacht, dass beispielsweise bei Depressionen der Serotoninspiegel zu
niedrig ist und ein Zuviel an Dopamin uns mšglicherweise in den Wahnsinn fŸhren
kann?
Marc Rufer: Nein. Es handelt
sich her um unbewiesene Hypothesen, die zudem ausschlie§lich vom
Wirkungsmechanismus der Antidepressiva beziehungsweise von dem der Neuroleptika
abgeleitet sind. Doch diese Ableitung wþre nur dann zulþssig, wenn die
Medikamente die in Rede stehenden Symptome spezifisch, das hei§t gezielt zum
Verschwinden bringen wŸrden. Das ist jedoch nicht der Fall. Sþmtliche
Psychopharmaka wirken unspezifisch. Sie lšsen bei Gesunden wie bei ãKrankenÒ
dieselben Wirkungen aus.
Das Konzept, psychische
Stšrungen mit Medikamenten zu behandeln, passt jedoch ganz in unsere Zeit. Es
entspricht dem biologistischen Ansatz, der alle Ÿbrigen Erklþrungsmšglichkeiten
verdrþngt hat. Ich sehe die Ursachen psychischer Stšrungen in belastenden
biographischen und familiþren Gegebenheiten und in der individuellen
Verarbeitung gesellschaftlicher Zustþnde.
BIO: Man trifft hingegen
nicht selten auf die Ansicht, psychische Auffþlligkeiten seien genetisch
bedingt.
Marc Rufer: Leider. Bereits
seit dem 18. Jahrhundert sprechen die Psychiater von einer Vererbung der so
genannten Geisteskrankheiten. Und dieses Konzept hat mit dem Aufschwung von
Genetik und Gentechnologie noch zunehmend Anhþnger gefunden. In den Medien wird
aus Expertenmund so oft und so selbstverstþndlich die Vererbungs-Ideologie
verkŸndet, dass sie im Laufe der zeit gleichsam zur Wahrheit geworden ist.
Dabei gibt es bis heute auch keinerlei wissenschaftlichen Beweis dafŸr.
Das Berliner Weglaufhaus Ð
Zufluchtsstþtte fŸr Psychiatrie-Betroffene
Das Berliner Weglaufhaus Ð eine beispielhafte Alternative zur ãgeschlossenenÒ Anstalt. Dazu Iris Hšlling, seit 1996 Mitarbeiterin des Hauses: ãEs ist schon ein Erfolg, wenn ein(e) Bewohner(in) nach jahrelanger Neuroleptika-Einnahme beim Absetzen im Weglaufhaus wieder wach(er) wird. Wenn die Mimik in ihr steifes Gesicht zurŸckkehrt. Wenn sie anfþngt, anders als in psychiatrischen Krankheitskategorien Ÿber ihr Leben und ihre Erfahrungen nachzudenkenÒ
Wo es Gewalt gibt, gibt es
auch Wege der Flucht und Orte der Zuflucht vor ihr Ð in Kirchen und Klšstern,
in Frauenhþusern. Gewalt ist auch das Wegsperren psychisch gestšrter Menschen
in psychiatrische Kliniken und ihre Behandlung gegen ihren Willen.
Aus dieser sich meist als
Hilfe verstehenden Form des Zwanges zu fliehen existieren bis heute in Europa
nur vereinzelt institutionalisierte Mšglichkeiten, beispielsweise in Holland
und Schweden und seit 1996 auch in der Bundesrepublik.
Im Norden Berlins gibt es
ein solches Asyl Ð die ãVilla StšckleÒ. Das erste und bisher einzige
Weglaufhaus fŸr Psychiatrie-Betroffene in Deutschland. Die Immobilie stellt bis
zum heutigen Tag ein anonymer Spender zur VerfŸgung. Sein Sohn hatte sich in
der Psychiatrie das Leben genommen.
BIO: Warum hþngt man dann
dieser Theorie in Gesellschaft und Medien an?
Marc Rufer: Sie macht das
Problem scheinbar einfach. Wer fŸr Depressionen, €ngste und andere psychische
Leiden eine genetisch festgelegte Hirnphysiologie verantwortlich macht, fŸr den
sind Psychopharmaka zwangslþufig das Nþchstliegende und der bracht sich Ÿber
die gesellschaftliche Situation, die Verteilung der Macht, Ÿber Erziehung,
Schule, Arbeit und Leistungsdruck als Ursache von psychischen Stšrungen keine
Gedanken mehr zu machen.
Denn die biologistische
Interpretation rŸckt die gesellschaftlichen wie psychologischen Ursachen
zunehmend aus dem Blickfeld. Ja, blad wird kaum jemand mehr wissen, dass es
einmal auch Erklþrungen gab, die gerade von diesen Gegebenheiten ausgingen.
BIO: FŸr den Einzelnen,
zumal im akuten Fall, ist jedoch der Streit der Experten um Erklþrungen und
Theorien sicher zweitrangig.
Marc Rufer: Das scheint nur
so. Mir kann es als Betroffenen letztlich nicht einerlei sein, ob und als was
die Therapeuten mein Leiden begreifen. Das genetische Konzept wþre fŸr mich
fatal: Was im Laufe meines Lebens aus biographischen und gesellschaftlichen
GrŸnden entstanden ist, das kann ich prinzipiell auch aus eigener Kraft wieder
rŸckgþngig machen. Was ich jedoch in den Genen mitbringe, das ist biologisch
festgeschrieben, gewisserma§en ins Fleisch eingebrannt: die Krankheit, die
krankhafte Anlage und damit meine grundsþtzliche Minderwertigkeit.
Der psychisch gestšrte
Mensch wird aus dieser Sicht zur defekten Maschine, und medizinische
Reparaturma§nahmen sind dann die Behandlungsmethoden. Hinzu kommen
Empfehlungen, keine Kinder zu zeugen.
Ein solches Herangehen fŸhrt
auch ganz logisch dazu, vorbeugend Ð oft Ÿber Jahrzehnte Ð mit Medikamenten zu
behandeln. Die Patienten werden, wie es im Medizinerjargon hei§t ãeingestelltÒ.
Um die Frage zu erhellen,
inwieweit Experten geistig gesunde Menschen aus einer Gruppe als psychisch
krank definierter Patienten herausfinden kšnnen, ob folglich die Unterscheidung
zwischen ãNormalseinÒ und ãIrreseinÒ gerechtfertigt ist, fŸhrte der
amerikanische Psychiater David Rosenhan 1968 ein þu§erst aufschlussreiches
Experiment durch.
Er lie§ dazu psychisch
všllig intakte Freiwillige Ð drei Psychologen, einen Psychologiestudenten,
einen Psychiater, einen Kinderarzt, eine Hausfrau und einen Maler Ð sich in
verschiedene psychiatrische Kliniken aufnehmen.
Bei ihrer Aufnahme gaben die
Versuchspersonen an, Stimmen gehšrt zu haben, sich aber jetzt wieder ganz
gesund zu fŸhlen. Wþhrend der gesamte Zeit ihres Klinikaufenthalts Ð von sieben
bis zu 52 Tagen, im Durchschnitt fast drei Wochen Ð verhielten sie sich všllig
ãnormalÒ und kooperativ. Sie nahmen auch brav die verordneten Psychopharmaka,
schluckten sie aber nicht.
Wie aus den Klinikakten
hervorgeht, schšpfte keiner der behandelnden Psychiater Verdacht, dass die
Testpersonen simuliert haben kšnnten. Lediglich einige ãecht krankeÒ Insassen
vermuteten dies immer wieder. Die Scheinpatienten wurden allesamt mit der
Diagnose ãSchizophrenieÒ entlassen, die meisten freilich mit dem dafŸr
notwendigen Zusatz ãin RemissionÒ. Laut medizinischem Wšrterbuch bedeutet die
so viel bedeutet wie ãim Zustand (vorŸbergehender) RŸckbildungÒ.
Nachdem das ebenso makabre wie
aufschlussreiche Experiment bekannt wurde, meldete sich eine renommierte Klinik
mit der saloppen †berzeugung, ihren Experten kšnne ein derartiger Reinfall
nicht passieren. So erhielt diese Klinik von Dr. Rosenhan die Information, im
Verlaufe der nþchsten drei Monate wŸrde von ihm eine unbestimmte Anzahl
Scheinpatienten eingewiesen. Vor diesem Hintergrund beurteilte man dort in der
fraglichen Zeit insgesamt 193 Patienten.
Die Folge: 41 davon wurden
durch mindestens ein Mitglied des Personals mit hoher Wahrscheinlichkeit fŸr
Scheinpatienten gehalten, 23 von mindestens einem Psychiater als verdþchtig
eingestuft, zu den Versuchspersonen zu gehšren, 19 davon sogar von einem
Psychiater und einem weiteren Mitglied des Personals.
In Wahrheit aber hatte Dr.
Rosenhan keine einzige Testperson in die Klinik geschickt. Damit stand es zwei
zu Null fŸr jene Kritiker, die das Instrumentarium, mit dem hilfesuchende
Menschen psychiatrisiert werden, fŸr wenig verlþsslich und die Experten kaum
fŸr verantwortungsbewusst halten.
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Die Elektroschocktherapie
Der Betroffenheit. Sie sind nicht
mehr die, die sie vorher waren.
BIO: Wenn aber bisweilen mit
Medikamenten geholfen werden kann Ð sollte man dann das nicht auch tun?
Marc Rufer: Psychopharmaka
haben keine heilende Wirkung. Bestenfalls lassen sich schlechte GefŸhle
wegdþmpfen oder eine aufgeregte Situation von au§en gesehen beruhigen. Die
Ursachen, welche die Stšrungen ausgelšst haben, bleiben bestehen und wirken auf
diese Weise unverþndert weiter. So entsteht eine doppelte Abhþngigkeit:
einerseits vom Medikament, andererseits vom behandelnden Arzt. Und wer auf
eigene Faust die Pharmaka abzusetzen versucht Ð die Fachleute verweigern den
Betroffenen hierfŸr meist jegliche Beratung -, dem drohen Entzugserscheinungen.
Und die werden dann meist als RŸckfall interpretiert.
BIO: Gibt es also Ihrer
Meinung nach keinerlei sinnvollen Einsatz dieser Medikamente?
Marc Rufer: Doch. Aber es
sollte mit ihnen immer sehr vorsichtig und Ÿberlegt umgegangen werden. Das gilt
auch fŸr Schlafmittel. Wer lange nicht schlþft, kann au§ergewšhnliche
Bewusstseinszustþnde erleben. Zustþnde, die Psychiater nicht von akuten
Schizophrenien zu unterscheiden vermšgen. Wer dieses Phþnomen nicht kennt,
þngstigt sich natŸrlich und lþuft Gefahr, psychiatrisiert zu werden. Hier kann
die kurzfristige Gabe von Schlafmitteln oder dþmpfenden Psychopharmaka
angezeigt sein.
Vergessen werden darf aber
in keinem Falle, dass Psychopharmaka, insbesondere zu Beginn der Behandlung,
gefþhrliche Nebenwirkungen haben kšnnen. Dazu gehšren unter anderem
Schlundkrþmpfe, Blutbildverþnderungen, Herzrhythmusstšrungen, Embolien.
Ferner kšnnen im Laufe der
Behandlung medikamentenbedingt genau jene Symptome auftreten, die die
Psychiater beheben wollen Ð so zum Beispiel Verwirrung, Halluzinationen und
Depressivitþt. Insbesondere bei Neuroleptika kommt es zu intellektuellen und
emotionalen Einbu§en, zu Kreativitþtsverlust, Konzentrationsschwþche,
Resignation und anderem mehr. Ein Leben auf dem vorherigen Niveau wird oft
unmšglich.
BIO: In immer mehr
psychiatrischen Kliniken erlebt der Elektroschock sein Comeback. Vor allem bei
den so genannten therapieresistenten Depressionen wird diese Behandlung als
sehr wirksam angepriesen.
Marc Rufer: Sarkastisch muss
man sagen: Ja, die Wirkung des Elektroschocks ist in der Tat ungeheuerlich! Er
ist eine Tortur. Daran þndert auch der neue Name nichts. Heute spricht man
beschšnigend von Elektroheilkrampfbehandlung. Die Schriftstellerin Mariella
Mehr sah im Elektroschock ãdie Bankrotterklþrung der PsychiatrieÒ. Ich
persšnlich kann das nur unterstreichen.
Es handelt sich um physische
und psychische Grausamkeit, auch wenn die Behandlung heute in Narkose und unter
medikamentšs erzeugter Muskellþhmung durchgefŸhrt wird. Wer je einem
Elektroschock beigewohnt hat, wird die damit verbundenen GefŸhle nie vergessen.
BIO: as geht dabei vor sich?
Worin liegt hier eigentlich
der therapeutische Effekt?
Marc Rufer: Der elektrische
Strom lšst Ð ob mit oder ohne Narkose Ð einen gro§en epileptischen Anfall aus,
das hei§t schwere Muskelkrþmpfe, verbunden mit tiefer Bewusstlosigkeit. Es
kommt zu wochenlangen, oft auch bleibenden Verþnderungen der hirnelektrischen
Aktivitþt. Die ãheilendeÒ Wirkung beruht auf einer Funktionsstšrung des Gehirns,
die zur Folge hat, dass die Betroffenen ihre Probleme, mit denen sie nicht
fertig wurden, schlicht und einfach vergessen. Das mag fŸr die Psychiater als
Besserung gelten.
FŸr die Patienten bedeutet
es dagegen Abhþngigkeit von Ihren Betreuern und Angehšrigen. Die haben jetzt
nþmlich všllig freie Hand, die Vergangenheit des auf diese Weise Therapierten
willkŸrlich zu definieren und zu interpretieren, ohne dass dieser in der Lage
wþre, wenn nštig aus eigener Erinnerung korrigierend einzugreifen.
BIO: Solange psychisch
bestšrte Menschen in ambulanter Behandlung, sozusagen ãauf freiem Fu§Ò sind,
kšnnen sie sich vielleicht noch aggressiven Therapien verweigern. Was aber,
wenn sie in eine psychiatrische Klinik aufgenommen oder gar eingewiesen worden
sind?
Marc Rufer: Die
psychiatrische Hospitalisierung ist fŸr die Betroffenen sehr oft ein
Verhþngnis. Vor allem, wenn sie keine Angehšrigen mehr haben oder die sich
nicht mehr um sie kŸmmern.
Die Stichworte
Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung weisen darauf hin, dass Psychiater
regelmþ§ig gegen den Willen der Betroffenen Gewalt anwenden. Die Psychiatrie
hat Ð offensichtlich im staatlichen Auftrag Ð eine Ordnungsfunktion,
vergleichbar mit jener der Polizei. Doch ist diese Funktion hier verschleiert,
denn diese Eingriffe werden nach au§en hin als medizinische Eingriffe, als
hilfreiche Behandlung dargestellt.
Die Psychiatrie hat also
gro§e Macht Ÿber Menschen. Und wo Macht ist, gibt es bekanntlich immer auch
Machtmissbrauch. Das ist umso gefþhrlicher, da hier entsprechende
Kontrollmechanismen kaum greifen. Denn ãpsychisch KrankeÒ gelten zumindest
potenziell immer als unzurechnungsfþhig, und deshalb wird ihnen prinzipiell
weniger geglaubt als ihren €rzten und Pflegern, die ja ãgesundÒ sind.
BIO: Nach Mšglichkeit sollte
man also eine Hospitalisierung vermeiden. Wenn aber die Gefahr besteht, dass
zum Beispiel schwer depressive Patienten in ihrer Not Selbstmord begehen, ist
dann ein vorŸbergehender Klinikaufenthalt nicht doch das kleinere †bel?
Marc Rufer: Nein. Ein
Klinikaufenthalt kann den Selbstmord nicht verhindert, hšchstens
hinausschieben. Kaum ein Betroffener, der nicht etliche Mitpatienten kennt, die
sich umgebracht haben. Seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts haben die
Selbstmorde von Psychiatriepatienten deutlich zugenommen. Und dies, obwohl
praktisch immer gegen die Erregung Neuroleptika und gegen die Depressivitþt
Antidepressiva verabreicht werden. Ich fŸhre die Zunahme der Suizide gerade auf
diese Behandlung zurŸck.
FŸr beide
Medikamentengruppen wird nþmlich in der Fachliteratur ausdrŸcklich eine
Vergrš§erung der Suizidalitþt als mšgliche Nebenwirkung deklariert. Au§erdem
verschlechtert die Tatsache der Hospitalisation die Lebens- und
Arbeitssituation der Betroffenen wesentlich, was die Selbstmordgefahr zusþtzlich
erhšhen kann.
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Sogar Symptome, die als manisch-depressive
Erkrankung und Schizophrenie diagnostiziert
werden,
verschwinden regelmþ§ig im Laufe der Zeit.
BIO: Wie kann man sich vor
psychiatrischer WillkŸr schŸtzen? Was sollte man tun, um im Fall der
Klinikeinweisung einer Zwangsbehandlung zu entgehen?
Marc Rufer: Zunþchst sollte
man in einer notariell beglaubigten VorausverfŸgung, dem so genannten
psychiatrischen Testament, klar festhalten, welche Behandlungsmethoden auf
keinen Fall angewendet werden dŸrfen. Das hinter Klinikmauern durchzusetzen
kann immer noch schwierig sein. Deshalb ist es wichtig, bereits ãin guten
ZeitenÒ unter seinen ãgesundenÒ Verwandten und Freunden verstþndnisvolle
VerbŸndete zu finden, die im Ernstfall unterstŸtzend eingreifen kšnnen.
BIO: Dann bleibt aber immer
noch die Frage nach praktikablen Alternativen, besonders fŸr die so genannten
schweren Fþlle.
Marc Rufer: Wir kšnnen immer
einen Weg beschreiten, der die WŸrde der Patienten nicht antastet. Was
psychisch Leidende in erster Linie brauchen, ist eine verstþndnisvolle, nicht
krank machende und stigmatisierende Umgebung. Und jedes Hilfsangebot muss ihre
Selbstþndigkeit zum Ziel haben: Letzteres jedoch ist genau das, was die etablierte
Psychiatrie durch ihre Interventionen untergrþbt.
Freilich ist es einfacher,
Pillen zu verschreiben, als zum Beispiel die HintergrŸnde fŸr das Auftreten der
Krise psychotherapeutisch aufzuarbeiten, ob das nun Probleme in der
Partnerschaft sind oder mit dem Job oder in der Schule. Wenn eine
Psychotherapie Sinn haben soll, muss jedoch gesichert sein, dass die
intellektuellen und emotionalen Potenzen des Patienten nicht durch Medikamente,
speziell Neuroleptika, weggedþmpft werden.
Zum anderen sollten die
gesicherten Kenntnisse Ÿber den Spontanverlauf schwerer psychischer Stšrungen
nicht vergessen werden. Sogar Symptome, die als manisch-depressive Erkrankung
und Schizophrenie diagnostiziert werden, verschwinden regelmþ§ig im Laufe der
Zeit. Das wissen die Psychiater ganz genau. Dennoch bestimmt dieses Wissen ihr
Handeln in keiner Weise. Wo immer das untersucht wurde, zeigte sich: Wer in
psychopharmakafreien Programmen behandelt wird, hat langfristig eine bessere
Prognose.
BIO: Die beste
Psychotherapie ist aber au§erstande, die objektiven Ursachen fŸr die ãvon der
Norm abweichendenÒ subjektiven Reaktionen zu beseitigen.
Marc Rufer:
Selbstverstþndlich nicht. Auf den meisten mitgliedern unserer Gesellschaft
lastet ein enormer Leistungsdruck. Dieser, die zunehmende soziale Unsicherheit
und das Erfahren und Erleiden von Ungerechtigkeit und Manipulation
beeintrþchtigten in starkem Ma§e die Beziehungsfþhigkeit und das innere
Gleichgewicht der Menschen.
Daraus ergibt sich die
Einsicht, dass Hilfe fŸr psychisch Leidende nichts mit Medizin, nichts mit
Biologie zu tun haben sollte. Hilfe, sofern sie gewŸnscht wird, ist eine
soziale Aufgabe Ð falls Experten dazu nštig sind Ð fŸr Psychologen. Und: Solche
Hilfe darf nicht mit sozialer Kontrolle vermengt oder gar durch sie ersetzt
werden. Wenn das erkannt wŸrde, hþtte die Irrenmedizin endgŸltig ausgedient.
BIO: Seien wir optimistisch!
Herr Dr. Rufer, wir danken Ihnen fŸr das interessante Gesprþch.
Man kann die
Verantwortung nicht
in die Hþnde der Chemie
legen
Der Bestseller-Autor Andrew
Solomon, politischer Berater der Clinton-Regierung und einst selbst an einer
schweren Depression erkrankt, sagte in einem Interview mit Ruedi Leuthold in
ãDie ZeitÒ:
ãDie chemischen Vorgþnge im
Gehirn kann man medizinisch angehen. Die charakterlichen Eigenschaften einer
Persšnlichkeit kann man nicht einfach verþndern.
Ich empfehle daher, eine
Depression in mšglichst frŸhem Stadium zu behandeln. Und gleichzeitig eine
psychotherapeutische Behandlung zu beginnen, um das eigene Leidensmuster besser
zu verstehen.
Man kann sein Leben nicht
einfach in die Hþnde der Chemie legen, so wie ein Fahrgast, der sich im Taxi
durch die Stadt fahre lþsst. Es ist wichtig, selbst Verantwortung zu
Ÿbernehmen.Ò
Buchtipp: Andrew Solomon:
ãSaturns SchattenÒ Ð ein Standardwerk zum Thema, S. Fischer Verlag, 576 Seiten,
Û 24,90.